Warum uns Social Media einsam macht – und was wirklich zählt

Von Jens Strußenberg

Wir scrollen durch Instagram, TikTok oder YouTube und sehen das perfekte Leben: strahlende Gesichter, exotische Reisen, tiefe Freundschaften und beruflichen Erfolg. Doch statt inspiriert zu sein, fühlen wir uns danach oft leer, unzulänglich – und einsam. Warum ist das so? Meine Masterarbeit an der PFH Göttingen hat genau diesem Phänomen auf den Grund gegangen und liefert eine klare Antwort: Es ist nicht die Zeit, die wir online verbringen, sondern wie wir uns dabei fühlen.

Das „Kontrasterleben“: Der Schlüssel zum Verständnis

Ich habe ein neues Konzept untersucht: das subjektive Kontrasterleben. Darunter verstehe ich das Gefühl, das entsteht, wenn wir unser eigenes, oft ganz normales Leben mit den idealisierten Darstellungen in den digitalen Medien vergleichen. Es ist der Moment, in dem wir denken: „Ich wünsche mir so viel mehr Anerkennung, Nähe, Sinn oder Freiheit – aber in meinem Alltag erlebe ich das nicht.“

In meiner Studie mit jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren – einer Lebensphase, die ohnehin von Unsicherheit und der Suche nach der eigenen Identität geprägt ist – zeigte sich ein erstaunlich starker Zusammenhang. Das Ausmaß, in dem die Teilnehmer*innen dieses „Kontrasterleben“ verspürten, erklärte über 57% ihres subjektiven Einsamkeitsgefühls. Wer also stark spürte, dass sein reales Leben hinter den medialen Idealen zurückblieb, fühlte sich auch deutlich einsamer.

Die große Überraschung: Es geht nicht um die Bildschirmzeit

Ein besonders spannender Befund: Die reine Dauer, die die Teilnehmer*innen täglich online verbrachten, hatte *keinen direkten* Einfluss auf ihr Einsamkeitsgefühl. Stattdessen beeinflusste die Nutzungsdauer das Kontrasterleben. Je länger man online ist, desto mehr idealisierte Inhalte nimmt man auf – und desto stärker kann sich das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit verfestigen. Kurz gesagt: Es ist nicht das Scrollen an sich, das einsam macht, sondern der innere Vergleich, den wir dabei anstellen.

Für Wissenschaftler: Ein neues Konstrukt mit Potenzial

Aus wissenschaftlicher Perspektive bietet das „Kontrasterleben“ ein vielversprechendes neues Konstrukt, um den komplexen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und psychischem Wohlbefinden zu erklären. Es verbindet Theorien sozialer Vergleiche (Festinger, 1954) mit motivationalen Ansätzen wie der Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 2000) und der Konsistenztheorie (Grawe, 2000). Mein selbst entwickelter Fragebogen, der zehn zentrale Bedürfnisse (wie Nähe, Sicherheit, Sinn, Anerkennung) in „Wunsch“- und „Ist“-Zuständen erfasst, erwies sich als valide Messinstrument.

Interessant waren auch die explorativen Befunde zu parasozialen Beziehungen – also den einseitigen, emotionalen Bindungen, die wir zu Influencern oder YouTubern aufbauen. Studien (z.B. Wang & Shang, 2024) deuten darauf hin, dass diese Beziehungen den Einfluss von sozialen Vergleichen auf unser Wohlbefinden moderieren können. Dies legt nahe, dass das Kontrasterleben nicht nur kognitiv, sondern auch emotional vermittelt wird.

Praktische Implikationen: Was können wir tun?

Die Ergebnisse haben klare praktische Konsequenzen:

  • Medienkompetenz neu denken: Es reicht nicht, die Bildschirmzeit zu reduzieren. Wichtiger ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie mediale Inhalte auf uns wirken. Warum fühle ich mich nach diesem Video schlecht? Welches Bedürfnis wird hier angesprochen, das bei mir unerfüllt ist?
  • Fokus auf das Reale: Interventionen sollten darauf abzielen, die Wahrnehmung der eigenen, realen Bedürfnisse und deren Erfüllung im Offline-Leben zu stärken.
  • Prävention: In der Medienpädagogik und psychologischen Beratung könnte das „Kontrasterleben“ als diagnostischer Indikator für gefährdete Personen dienen.

Limitationen und Ausblick: Wo geht die Reise hin?

Natürlich hat meine Studie auch Grenzen. Die Stichprobe war mit 21 Teilnehmer*innen sehr klein, was die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Außerdem handelt es sich um eine Querschnittsstudie – sie kann zeigen, dass Kontrasterleben und Einsamkeit zusammenhängen, aber nicht, ob das eine das andere *verursacht*.

Für die Zukunft sind daher mehrere Forschungsrichtungen spannend:

  1. Längsschnitt- und Experimentalstudien: Um kausale Zusammenhänge zu klären. Kann man das Kontrasterleben gezielt manipulieren und wie wirkt sich das auf das Einsamkeitsgefühl aus?
  2. Plattformspezifische Analysen: Unterscheidet sich das Kontrasterleben auf Instagram, TikTok oder LinkedIn? Jede Plattform hat ihre eigenen „Idealbilder“.
  3. Psychometrische Validierung: Mein Fragebogen muss in größeren Studien weiter validiert und möglicherweise verfeinert werden.
  4. Qualitative Forschung: Tiefeninterviews könnten das subjektive Erleben des Kontrasts besser einfangen und helfen, gezielte Interventionsstrategien zu entwickeln.

Fazit

Meine Arbeit zeigt: Die digitale Welt macht uns nicht per se einsam. Einsamkeit entsteht vielmehr in dem Moment, in dem wir unser reales, unperfektes Leben mit einer sorgfältig kuratierten, virtuellen Idealwelt vergleichen. Indem wir dieses „Kontrasterleben“ verstehen und messbar machen, öffnen wir die Tür zu neuen Wegen, um das psychische Wohlbefinden junger Erwachsener in der digitalen Ära zu stärken. Es geht nicht darum, die Medien abzuschalten, sondern darum, bewusster und selbstbestimmter mit ihnen umzugehen.

(PDF) Das subjektive Kontrasterleben in digitalen Medien und sein Zusammenhang mit dem Einsamkeitsempfinden junger Erwachsener


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